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Die Geschichte von ‚bazár dilo’ (sprich: baschardilo) beginnt in einem winzigen Kämmerchen im Dachgeschoss des Münchner Residenztheaters.
Fast jede freie Minute ziehen sich zwei Requisiteure dorthin zurück, um die neuesten Balkanscheiben zu begutachten, Pläne zu schmieden oder auch einfach nur zu üben, z.B. für ihren bühnenmusikalischen Einsatz im "Eingebildeten Kranken“, in den "Drei Schwestern“, "Oblomow“ oder im "Brandner Kasper“.
Quickly (Emmerich Eiler) und Fritz (Bader) hatten irgendwie ein bißchen die Nase voll von der 'Russenschiene', die sie unabhängig voneinander, aber auch miteinander schon geraume Zeit und in verschiedenen Bandkonstellationen 'fuhren' und lächzten nach Veränderung.
Beim Ausmisten und Archivieren von Quicklys unzähligen (selbstverständlich unbeschrifteten!) Audiokassetten stoßen wir auf unglaublich schöne Melodien und ganz ungewohnte, interessante, ungerade Rhythmen, deren Ursprung alle auf den Balkan verweisen.
Mit Eifer stürzen wir uns auf das neue (eigentlich alte) Material aus Klezmer- und Tsiftetelimusik, Gipsy-Brass und Rembetiko, aus Django, Sevdah und den unzähligen anderen, ethnisch und regional eingefärbten Haupt- und Nebenlinien der Balkan-Folklore. Von Stück zu Stück fallen wir mehr und mehr in einen Rausch, aber nicht Opium, sondern die Melodien von Taraf de Ha?duk, Bratsch, Kocˇani-Orkestar, Goran Bregovic´ und Emir Kusturica von Fanfare Ciocrlia, Brave Old World, Ivo Papasov, Ferus Mustafov, Sˇaban Bajramovic´, Esma Redzˇepova und den unzähligen anderen ergreifen von unseren Seelen vollkommen Besitz.
Das war die Geburtsstunde von ..? Ja, wie sollte das Kind denn nun heißen?
"Deman devla so kamav!"
(romanes: gib mir Gott, was ich brauche!)
... bunt, reich, verspielt, glücklich und traurig, und, und, und... ja, und vor allem verrückt ohne Ende...
Quickly und ich sitzen in Pecs (S-Ungarn) auf der sonnenüberfluteten Veranda des Cafe 'Elefant' und studieren die schier unendliche Liste der verschiedensten Kaffees, die hier einer besser als der andere schmecken und grübeln noch immer über unseren Bandnamen.
"Lass mal hören, was Sonja in München so meint", schließlich ist sie unsere Anlaufstelle für alles, was mit Romakultur im engeren und weiteren Sinn zu tun hat.
Das standardmäßige "ihr seid ja verrückt!" knistert aus dem Handy. Das wissen wir schon, aber jetzt erfahren wir, wie wunderbar das in Romanes klingt: "dilo".
"dilo"! Dilo,dilo,dilo, wir sind verliebt in dilo! Maschallah! (arabisch: das ist Gottes Wille !) Auf der gegenüberliegenden Straßenseite lesen wir auf einem alten Firmenschild 'bazár'. 'bazár dilo', verrückter Basar, genau das ist's!
Welche Erleichterung überkommt uns in diesem Moment! Die entscheidende Hürde zur erfolgreichsten Balkan-Band aller Zeiten ist genommen. Jetzt können wir uns erst mal zurücklehnen und uns im Glanze des Erreichten aalen.
Zurück im Residenz-Kämmerchen sehen wir den Zeitpunkt für gekommen, unseren Teufelsgeiger, unseren 'schwarzen Zigeuner', kurzum, Josi Vorbuchner auf den Plan zu rufen. Kennen lernen wir Joschek schon etwas früher, auf der Suche nach einem Geiger für die Theaterproduktion 'Die 3 Schwestern' (A. Tschechov). Silvester, der 'brennende Geiger'(weil aus Quicklys Band 'Gari-gari' (russisch:" brenne, brenne!" oder " leuchte, leuchte!") ist verhindert, er spielt aber in einer zweiten Band zusammen mit der Geigerin Traudi, ganz 'zufällig' Josi's langjähriger Lebensgefährtin. Der Rest läßt sich leicht denken. Bei einer allerersten 'Beschnupperung' in Quicklys Küche (langjährig bewährter, weil konsumlogistisch extrem durchdachter Übungsraum) ist man sich 'super-grün' und beschließt eine langjährige, extrem fruchtbare, gemeinsame, musikalische, balkanische, kulinarische, therapeutische, etc., etc., kurzum 'bazarische' Zukunft. Genaugenommen ist Josi Vorbuchner schon nach kurzem Dreh- und Angelpunkt des Bazars mit seinen vielen Talenten, von denen ich die sensible Musikalität, das organisatorische und das krisen-chaos-konflikt-bewältigende besonders unterstreichen möchte. "Ecce dilo!"
Mit ihm und der eh schon 'schikkeren' Anna Riedl, praktischerweise als geniale Schauspielerin bereits am Haus, ziehen wir schon beim ersten offiziellen Auftritt von 'bazár dilo' im Marstall die Massen in unseren Bann.
Danach geht es Schlag auf Schlag: Paris, Rom, Madrid und die Metropolitan...
Na ja, fast...
Erst mal beschließen wir, die Band um einen Bassisten und Percussionisten zu bereichern und dermaßen gestärkt die heimischen Pfründe abzustecken. Mit dem völlig abgefahrenen Stefan Lanius und dem omnipotenten Bernhard Dingler (es ist schneller gesagt, was er nicht spielt...) konnte uns eigentlich nichts mehr vom Weg nach oben abhalten. Aber halt!
Unerläßich für eine beeindruckende Erfolgsgeschichte sind anständige Rückschläge! "Inkompatible Verrücktheiten!" entscheidet unsere geliebte, geniale, durchgeknallte Schauspieler-Sängerin und läßt uns mit ihrer unerreichten Djelem-Interpretation (Lied über den langen, leidvollen Weg der Zigeuner) im Regen stehen."Oj wej!" (jiddisch: oh weh!)
Aber wir lassen uns nicht entmutigen! Im Gegenteil, wir legen legendäre Auftritte in Molinaris Weinhandlung Feldmann, im Cafe Kult (Bürgerpark O'föhring), eine blitzartige CD- Einspielung in Michi Gottfrieds Casino-Studio und endlich eine triumphale CD-Präsentation in der völlig überfüllten Adalbert-Brauerei hin.
Nach diesem Kraftakt ist Bandurlaub in Ungarn angesagt, das sich im Laufe der Zeit als bazár dilo Refugium etabliert. Auf Kecskemét mit Albert Leskovskys Instrumentenmuseum und Pecs mit dem Zigeunermarkt konzentriert sich unser Interesse.
Wir erleben gruppentherapeutische Erfahrungen, betreiben Quickly-Ahnenforschung (eigentlich sind wir nicht weiter als zu Kusin Jani mit seinem Weinbergdomizil im Nyerges, seinem riesigen Kessel paprikatriefenden Karpfengulasch (halászlé) und selbstgemachten Würsten gekommen und zu ...das reicht, alles müssen wir euch auch nicht auf die Nase binden..), machen Straßenmusik ("Perlen v..."), schmieden wunderbare Gedanken für eine nächste CD, knüpfen auch gleich wichtige Kontakte mit einem Tonstudio, schließen Wetten ab, bei denen es nur Gewinner gibt, fröhnen öligem Lángos (Ausgezogene) an Knoblauchtunke, üben (richtig gehört!) sogar hin und wieder und genießen ansonsten, daß, vermutlich bedingt durch die Tiefebene, die Uhren einfach langsamer gehen, mitunter sogar die Zeit einfach stehen bleibt.
Bevor wir ein Jahr später im Orega-Studio bei Kecskemét mitten in der Puszta mit unserer zweiten CD-Produktion loslegen, verschleissen wir noch drei Sängerinnen, deren Stimmen wir alle mögen, deren Persönlichkeitsprofil aber letztendlich nicht verträglich genug ist.
P.S.: verrückt genug wären sie alle gewesen!
Na ja, Puszta-Produktion: egészsegédré! (ungarisch: auf deinen Allerwertesten, im Gegensatz zu auf deine Gesundheit: egészségédré)
Ich fasse das so zusammen: viel Freud (S.), durchaus problematische! Aufnahmetage, aber ein extrem talentierter Studiohund mit dem ausgefallenen Namen 'Kudja' (ungarisch: Hund): um was zu erbetteln, hatte der es drauf, ausschließlich mit den Vorderläufen auf dich zu zurobben, und die Hinterläufe wie gelähmt hinter sich her zu schleifen. Dem hättest du deinen letzten Brotkrumen abgetreten. Vermutlich hätten wir mit dieser Nummer in der Fußgängerzone von Pecs mehr Erfolg gehabt! Aber immerhin gibt es aus dieser Zeit ein paar gelungene Videosequenzen, die wir schon in weiser Voraussicht auf künftige MTV-Ausstrahlungen gedreht haben.Die Puszta-Musik-Aufnahmen haben wir verworfen (bis auf das pavaroti-gleiche Solo Kudja's im Improvisationsteil des 13er's), weil sich die Möglichkeiten der Nachbearbeitung als unzulänglich herausstellten und wir irgendwie auch überhaupt nicht mehr mit dem zufrieden waren, was wir da zusammengespielt haben.
Als wir dann unser CD-Projekt im Herbst in der Harlachinger Bergschleife wieder aufnehmen und eigentlich gerade so richtig in Fahrt kommen, entscheidet unser 'verrückter' Bassist uns lieber in den Arsch zu treten und sein Unwesen etwas weiter ab in Afrika zu treiben (Förderpreis der Stadt München für das außergewöhnlichste Musikprojekt des Jahres: Stefan Lanius entwickelt mit Emigranten verschiedenster Herkunft kulturübergreifende Musikprojekte. Bravo und nochmal Gratulation!).
Nachdem sich zwischenzeitlich unsere schon fast begrabene Hoffnung auf eine 'bazar-Diva' doch noch erfüllt und mit der stimmgewaltigen, mazedonischen Serbin (oder vielleicht doch 'serbischen Mazedonierin'? Gibt's nicht auch mazserbonisch?) Irena Madzoski ganz frischer Wind das inzwischen etwas modrige Bandgefüge durchlüftet, sehen wir völlig neue Visionen und rechnen überhaupt nicht mit so einem Rückschlag. Das war eindeutig unter die Gürtellinie!
Doch eine Depression wollten wir uns einfach nicht leisten! Und siehe da, wie Phönix aus der Asche, betritt Leonhard Schilde, ein weiteres Multitalent als sechstes Bandmitglied und neuer Bassist (eigentlich ist er Jazz-Pianist, Arrangeur und Komponist, nein, nein, Geiger - oder war er nicht auch Akkordeonist und Gitarrist? Irgendjemand hat gesagt, daß er in Indien Trommel studiert hat. Grübel, grübel: vermutlich ist er doch nur Bassist!!) die Bühne des Basars.
Dermaßen gestärkt, heben wir unser zweites Kind nach mehr als vierundzwanzig Monaten Schwangerschaft aus der Taufe: zusammen mit dem Schauspieler und Freund Wolfram Kunkel spielen wir in dessen grafschaftlichen Wirtshaus-Wohnhaus in Beuerbach eine Live-Doppel-CD ein und setzen damit einen weiteren Meilenstein in der bazár dilo-Erfolgschronik.
Einzigartig und unvergleichlich liest Kunkel Wenedikt Jerofejew in 'Die Reise nach Petuschki' und Irenas ausdrucksvolle und facettenreiche Stimme, sowie Leonhards phantasievolle 'Bass-Malerei' krönen das bisherige Wirken des 'Verrückten Basars'.
Mit der CD-Präsentation im ausverkauften Odyssee hat 'bazár dilo' ein weiteres Kapitel 'Kult-Band-Geschichte' abgeschlossen.
Im August letzten Jahres, bevor wir die Fertigstellung der CD in Angriff nehmen, fahren wir auf Einladung unserer Sängerin nach Serbien, umerstens Zajecar, ihre Heimatstadt und ihre Familie kennenzulernen, zweitens, um der Welt größtes Blasmusik-Festival in Guca zu besuchen.
Was wir von Zajecar über Guca hin nach 'Beograd' alles sehen und erleben ist durchaus beschreiblich - aber nicht hier und jetzt!
Inzwischen schreiben wir Januar 2005.
Unser Übungs-Kammerl-Anfang liegt ungefähr sechs Jahre zurück.
Für bazár dilo ist jetzt der Moment gekommen neue Saiten aufzuziehen und verrückter denn je zu spielen, um so das neue, entscheidende Kapitel über den endgültigen Durchbruch aufzuschlagen.
Mazeltov! (jiddisch: sollst glücklich sein!)
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